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aber gibt es das
ein Zwingen zum Glück
wo doch niemand weiß
was mir Glück war
damals

habt ihr die Tränen
nicht gesehen
und den Blick
auf den Boden
als die Füße Halt suchten
draußen
zwischen
den anderen Kindern
und der Angst

waren Regentropfen
Freunde
die mir erlaubten
alleine zu sein
in meiner Welt
versunken

fand ich das Glück

Aus-Weg

Bis zum Graumeer
kann ich dich begleiten
hinaus in die Welt
deinen Schritten folgen
Wort für Wort
eine Brücke bauen
die mich hält

Geradeaus sehen
wenn du mir
einen Weg zeigst
durch das Labyrinth
der Nebelfelder
die nach Jahren
immer noch fremd
zur Rückkehr
zwingen

Sei nicht traurig
wenn ich gehe
morgen zeige ich dir
meine Welt
dass Schwarz und Weiß
auch bunt sein kann

weil ich
sie nicht verlassen kann
suche ich halt
in routinen

neues macht mir angst
immer
und immer
und immer wieder

weiche ich augen aus

sie haben keine stimme
und lesen
kann ich
nur schwarz auf weiss

das grau
sagt mir nichts

aber der tag
schreit manchmal
wie ein preßlufthammer
löcher in die stille

Ausklang

Derweil das Jahr
die letzten Tage zählt
bleibt immer noch
das Warten
auf den ersten Schnee
ein wenig Glück
zwischen den Gedanken

Schlaf, mein Kind
und träume
von bunten Lichtern am Baum

An Heiligabend
möchte ich das Lachen sehen
in deinen Augen

wird alles Lieben wahr.

Sonntagnachmittag

Schenk mir ein Lächeln
damit ich weiß, es wird alles gut
umklammern deine Finger
meine Hand
als hättest du Angst

wir laufen gegen den Strom
und du erzählst mir
vom Glück
fiele doch endlich Schnee

dann wäre der Boden nicht so grau
und du könntest
in den Himmel schauen

Die Fremde

Alexandria war anders.
Wenig orientalisch auf den ersten Blick. Clara öffnete die Fensterläden und schaute hinaus auf den schmalen Strand und das Mittelmeer.
Es war Ende März und die Sonne stand schon sehr tief über dem Wasser, das sicher noch viel zu kalt sein würde, um darin zu baden.
Ein paar Kinder liefen barfuss durch den Sand. Ihr Geschrei vermischte sich mit dem Lärm, der aus dem unteren Stockwerk an Claras Ohr drang.
Der junge Mann an der Rezeption hatte sich bereits für die Unannehmlichkeit entschuldigt und ihr versprochen, dass die Handwerker in zwei Stunden fertig sein würden mit der Reparatur der Wasserleitung. Es war noch zu früh, zum Abendessen in die Stadt zu fahren.
Clara entschloss sich zu einem kleinen Spaziergang.
Sie nahm ihren Pullover vom Bett und verließ das Hotelzimmer.

Draußen war es kühl.
Sie blieb einen Moment stehen und sah sich um. Warum hatte Sami sie darum gebeten, hierher nach Alexandria zu kommen und sich ein Zimmer in einem der billigen Strandhotels zu nehmen, in denen um die Jahreszeit kaum ein Tourist anzutreffen war?

Die Strandpromenade war fast menschenleer.
Lediglich das Hupen der Autofahrer erinnerte ein wenig an das pulsierende Leben in Ägypten.
Vom Meer, das sich blaugrau vor ihr ausbreitete, wehte ein frischer Wind und spielte mit ihren Haaren.
Clara seufzte.
Am Abend würde sie Sami darum bitten, diese Stadt mit ihr so schnell wie möglich wieder zu verlassen und nach Kairo zurück zu kehren.
Sie hatte sich so sehr auf einen ausgiebigen Bummel durch den Khan el Khalili und die langen Nächte in den Clubs der Pyramidenstrasse gefreut.

Enttäuscht betrachtete sie die alten Häuser entlang der Corniche.
Viele von ihnen schienen unbewohnt. Die meisten Fenster waren verschlossen und nur durch wenige Holzläden schimmerte etwas Licht.
Zwei alte Männer saßen vor einem Cafe und rauchten Wasserpfeife.
Aus einer schmalen Seitenstrasse vernahm sie die traurige Stimme einer berühmten, ägyptischen Sängerin und entdeckte den kleinen Laden mit dem bunten Neonschild „Cleopatras Musicstore“.
Ein junger Mann lehnte lässig an der Tür und winkte ihr mit einem auffordernden Lächeln zu.
Clara ging weiter, als habe sie ihn nicht bemerkt. Sie war nicht in der Stimmung, sich auf einen Flirt oder ein „Wie gefällt es ihnen in Alexandria, Madame?“ einzulassen.
Hoffentlich würde Sami bald aus Port Said eintreffen, wohin er kurzfristig hatte fahren müssen, um dort seinem Onkel im Geschäft auszuhelfen.
Schließlich hielt sie sich nur ihm zuliebe in dieser Stadt auf.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und beschloss, zum Hotel zurück zu kehren.

Nachdem Clara sich für das Abendessen umgezogen hatte, ging sie hinunter zur Rezeption. Sie wollte sich ein Taxi bestellen und zu eine der Tavernen am Hafen fahren lassen. Von Sami lag immer noch keine Nachricht auf der kleinen Empfangstheke.
Eine junge Frau unterhielt sich mit einem etwas älteren, dickbäuchigen Herrn, der offensichtlich der Hotelbesitzer war. Ihre Stimme klang sehr erregt. Obwohl Clara nur wenige Worte verstand, entnahm sie dem Gespräch, dass die Frau ihren Ehemann suchte und sich sicher war, ihn in diesem Hotel anzutreffen.
„Sehen Sie“, sagte der ältere Herr und deutete in Claras Richtung, „außer dieser jungen Dame aus Deutschland wohnt zur Zeit nur noch ein Ehepaar aus London bei uns. Sie müssen sich geirrt haben.“
„Nein! Er muss hier sein! Er hat alles auf diesen Zettel geschrieben.“
Nervös reichte sie dem Hotelbesitzer ein kleines Stück Papier und setzte sich in einen der Sessel, die direkt neben der Tür mit Blickrichtung zu einem Fernsehgerät standen.
„Ich werde auf jeden Fall warten, bis er kommt.“
Der Hotelbesitzer fluchte.
„Sie sollten so schnell wie möglich nach Hause fahren! Ihr Mann wird sie sonst suchen und sehr verärgert sein, wenn er sie hier antrifft.“
Clara beobachtete die verschleierte Fremde.
Auf seltsame Weise fühlte sie sich ihr verbunden. Während sie den Schlüssel an der Rezeption abgab und an der Sitzgruppe vorbei zur Tür hinausging, warf sie der jungen Frau einen mitfühlenden Blick zu.

Draußen war es inzwischen sehr windig. Clara knöpfte ihre Jacke zu und rief nach einem Taxi. Ihr gefiel es zwar gar nicht, alleine in einem der Fischrestaurants, von denen sie im Reiseführer gelesen hatte, Essen zu gehen. Aber der Hunger war zu groß, um die ganze Nacht von den Resten ihre Lunchpakets zu zehren.
Der Taxifahrer empfahl ihr ein kleines, gemütliches Restaurant, das direkt am Hafen zwischen Ras el Tin und Anfoushi lag. Während der Fahrt entpuppte er sich als versierter Stadtführer.
Doch Clara gelang es nicht, sich auf die Sehenswürdigkeiten von Alexandria zu konzentrieren. Vielmehr fragte sie sich, weshalb Sami sie warten ließ und sich nicht ebenso wie sie danach sehnte, endlich wieder mit ihr zusammen zu sein.

Als das Taxi vor dem Restaurant hielt, stellte sie fest, dass sie wegen des dichten Verkehrs auf der Corniche fast eine halbe Stunde gebraucht hatten.
Der Fahrer verlangte einen unverschämt hohen Preis.
Clara fluchte auf Arabisch, etwas, das sie in den letzten beiden Jahren von Sami gelernt hatte. Schließlich gab sie dem jungen Mann hinter dem Steuer lediglich ein Drittel der Summe, die er ursprünglich verlangt hatte und stieg aus.

Das „Osiris“ war eine gemütliche, kleine Taverne, die direkt am Hafen in einer schmalen Seitenstrasse lag.
Clara warf einen Blick auf die Speisekarte und öffnete noch etwas zögernd die Tür.
Ein älterer Herr kam aus der Küche, hieß sie
herzlich willkommen und wies ihr einen Platz am Fenster zu.
„Mögen sie frischen Fisch, Madame?“
Sein Englisch war beinahe akzentfrei.
Clara nickte.
„Darf ich ihnen dann unseren Fisch nach Art des Hauses zubereiten?“
Sie stimmte zu und bestellte außerdem noch eine Flasche Wasser.
Das Essen war hervorragend.
Für einen Moment gelang es ihr sogar, die Enttäuschung wegen Sami zu vergessen und den Abend zu genießen.

Gegen 22 Uhr verließ sie das Restaurant und fuhr mit einem Taxi zum Hotel zurück.
An der Rezeption bat sie um den Zimmerschlüssel und stellte erstaunt fest, dass die junge Frau immer noch auf einem der Sessel saß und auf ihren Mann wartete.
Entschlossen ging Clara auf sie zu und fragte, ob sie sich zu ihr setzen könne.
„Bitte sehr.“, erwiderte die Fremde, ohne einen Augenblick aufzusehen.
Der Hotelbesitzer beäugte die beiden skeptisch und schaltete an dem Fernseher herum, bis er den richtigen Sender gefunden hatte.
„Heute spielt Ägypten gegen Marokko.“, sagte er zu Clara und bot ihr eine Cola an.
„Bringen sie mir bitte zwei.“

Eine Weile saßen die beiden Frauen schweigend nebeneinander und starrten immer wieder zur Tür. Gemeinsam, wie zwei Verbündete.
„Ich warte auf meinen Freund.“, begann Clara schließlich das Gespräch und reichte der Fremden eine der beiden Colaflaschen, die der Hotelbesitzer ihr auf den Tisch gestellt hatte.
Die junge Frau bedankte sich und lächelte verlegen.
„Sie suchen ihren Mann hier in Alexandria? Ich habe eben einen Teil ihres Gesprächs mit dem Hotelbesitzer verfolgt.“
„Sie verstehen Arabisch?“
„Nur ein bisschen.“
„Man trifft selten Touristen, die unsere Sprache sprechen.“
„Mein Freund kommt aus Kairo. Er hat mir das beigebracht.“
„Ach so. Dann treffen sie sich hier, um ein paar Tage Urlaub am Meer zu machen?“
„Ich wäre lieber direkt nach Kairo geflogen.“
Die junge Frau blickte erstaunt auf und fuhr mit der Hand durch ihr blasses Gesicht.
„Aber es ist nicht einfach, dort zu leben. Haben sie vor, zu heiraten und hier in Ägypten zu leben?“

Bevor Clara eine Antwort geben konnte, klingelte es und die beiden Frauen starrten erwartungsvoll zur Tür.
Der Hotelbesitzer war in seinem Sessel vor dem Fernseher eingeschlafen. Er erhob sich nur mühsam und suchte in seiner Hosentasche nach dem Schlüsselbund.
Clara erkannte die Stimme des späten Gastes sofort und sprang auf.
„Ist das ihr Freund?“
Die Stimme der Fremden klang beinahe ängstlich.
„Ja, das ist Sami.“
„Dann gehen sie zu ihm.“
Clara nickte und warf einen Blick hinüber zur Rezeption.
In dem Moment schlug der Hotelbesitzer die Tür wieder zu und sah die beiden Frauen kopfschüttelnd an.
„Ein seltsamer Mensch.“
„Wohin ist er gegangen?“
Clara konnte ihre Tränen kaum noch zurückhalten.
„Das hat er mir doch nicht gesagt!“, brummte der Alte.
„Laufen sie ihm nach und versuchen sie ihn aufzuhalten.“, flehte die junge Frau und verbarg ihr Gesicht hinter dem Schleier.
„Aber warum lässt er mich hier warten und verschwindet dann ohne ein einziges Wort?“
Clara lief verzweifelt vor der Sitzgruppe auf und ab.
„Gehen sie!“, wiederholte die Fremde, „er wird nicht wieder hierher kommen.“
„Aber wieso? Was habe ich ihm getan?“
„Nichts. Es ist seine Schuld…“
Die junge Frau schluckte. Ihre Lippen bebten.
„…Sami ist mein Mann.“

Novembersee

laacher-see-001

Stille liegt über dem Wasser
jenseits gefallener Blätter
gibt es kein Buntes
nur die verlassenen Boote

unten am Steg
suche ich
nach dem Lachen des Sommers

doch der Nebel wärmt nicht.

Heute mal keine Lyrik oder Prosa, sondern ein Hinweis auf einen Fotowettbewerb der LightFactory.

Das Thema lautet:

Natur und Technik

Da fallen mir sofort meine Fotos vom Landschaftspark Duisburg ein. 

Einsendeschluss für die Fotos ist der 02.11.2008.
Es gibt auch etwas zu gewinnen.

Hier finden Sie/findet ihr alle weiteren Infornationen.

Ich bin Wall.E

Zum Disney Wall-E Test auf moviepilot.deZu moviepilot - Gute Filme für Kino, DVD & TV

Die Wassermelone

Langsam bahnt sich der Taxifahrer einen Weg durch die verstopften Strassen von Kairo. Melanie sieht aus dem Fenster und beobachtet die Menschen, die auf dem staubigen Asphalt an ihr vorüberziehen.
Der junge Mann hinter dem Steuer bietet ihr eine Zigarette an und lächelt.
„Sind Sie zum ersten Mal in Ägypten, Madame?“
Seine Stimme klingt angenehm.
Während Melanie ihm erzählt, dass sie jedes Jahr ein paar Wochen in Kairo verbringt, wühlt er in seinem Handschuhfach und hält bald darauf eine Kassette in der Hand.
„Das ist arabische Musik, Madame“, verkündet er stolz und beginnt zu singen.
Dabei trommelt er mit seinen Fingern auf das plüschbezogene Lenkrad des alten Peugeots.

In dem Taxi ist es unerträglich heiß.
Melanie kurbelt das Fenster hinunter und fächert sich mit einer Zeitschrift, die sie im Flugzeug bekommen hat, etwas Luft zu.
Der junge Mann neben ihr lacht und reicht ihr ein Erfrischungstuch.
„Der jordanische König ist gerade zu einem Gespräch mit Mubarak eingetroffen. Dann läuft hier auf den Strassen so gut wie nichts mehr.“
Er winkt einen kleinen Jungen heran, der zwischen den Autos hindurchläuft und bittet ihn, zwei Flaschen Cola zu besorgen.
„Wir werden bestimmt noch zwei Stunden brauchen.“
Sein Englisch ist nicht besonders gut, aber sein Lächeln charmant.
„Woher kommen Sie?“
„Aus der Nähe von Stuttgart.“
„Sie sind Deutsche? Mein Bruder hat vor zwei Jahren eine deutsche Frau geheiratet und lebt jetzt hier mit ihr in Kairo. Sie müssen uns unbedingt einmal besuchen kommen.“
Er gibt ihr seine Visitenkarte.
„Die beiden haben gerade einen Sohn bekommen. Tarik Andreas heißt er und ist genauso blond wie meine Schwägerin.“

Melanie streckt die Beine aus und versucht es sich so bequem wie möglich zu machen. Sie ist müde von dem Flug und sehnt sich danach, ein Bad zu nehmen und eines ihrer leichten Sommerkleider anzuziehen.
„Ich heiße Abdel Hassan.“
„Melanie.“
Er wiederholt langsam ihren Namen und grinst.
„Der Name passt nicht zu Ihnen.“
Ehe sie etwas sagen kann, steckt der Junge mit der Cola neugierig seinen Kopf in das Auto, überreicht dem Taxifahrer die beiden Flaschen und nimmt dafür strahlend das Kleingeld entgegen.
„Schöne Frau, herzlich willkommen in Ägypten.“
Sie bedankt sich auf Arabisch und schenkt ihm ein paar Piaster.
Er küsst ihre Hand und rennt davon.

Melanie trinkt die Flasche in einem Zug aus und legt sie anschließend zu ihrem Handgepäck auf den Rücksitz. Abdel Hassan beobachtet sie amüsiert.
„Batticha!“
Sie sieht ihn fragend an.
“Das ist ihr Name auf Arabisch.“
Klingt hübsch, denkt sie und überlegt, ob sie das Wort irgendwo schon einmal gehört hat.
„Wie lange werden Sie in Kairo bleiben, Batticha?“
„Drei bis vier Wochen. Danach fahre ich mit meiner Freundin noch ans Meer.“
„Lebt ihre Freundin hier?“
„Ja, seit fast fünf Jahren.“
„Viele ausländische Frauen leben bei uns in Kairo. Möchten Sie auch eines Tages für immer in Ägypten bleiben?“
Melanie zögert einen Augenblick.
„Ich weiß es nicht, vielleicht…“

Vor ihnen ist ein Mopedfahrer mit Anhänger gestürzt, der einige Kisten mit Apfelsinen geladen hatte, die nun auf der Straße herumliegen.
Sofort sind ein paar Kinder herbeigeeilt, die zwischen den Autos herumkriechen und das Obst aufsammeln.
Abdel Hassan flucht.
Seit einer halben Stunde sind sie nur schrittweise vorwärts gekommen.
„Ämschi!“, ruft er den Kindern zu, was soviel heißt wie „Haut ab“.
Der Mopedfahrer steht am Straßenrand und begutachtet sein beschädigtes Fahrzeug.
Melanie wirft einen Blick auf ihre Uhr.
Zum Glück hat sie den Fahrpreis mit Abdel Hassan im Voraus ausgehandelt.

„Soll ich uns ein Sandwich besorgen, Batticha?“, fragt er sie und zeigt auf einen kleinen Laden an der gegenüberliegenden Straßenecke.
„Dort schmecken sie besonders gut.“
Da sie seit dem Morgen nichts vernünftiges gegessen hat außer den Pappbrötchen im Flugzeug, nimmt sie sein Angebot gerne an.
Sofort hat er wieder einen Jungen herbei gewunken und bittet ihn, zwei Käsesandwichs und eine Tageszeitung für ihn zu besorgen. Melanie versucht, sich diese Szene in Deutschland vorzustellen und lacht.
Langsam beginnt ihr dieses Verkehrschaos zu gefallen, das sie so noch nie erlebt hat, obwohl sie schon sieben Mal in Kairo war.

Während Abdel Hassan sich durch das geöffnete Fenster lautstark mit einem Kollegen unterhält, lehnt sie sich zurück und beginnt, ihr Sandwich zu essen.
Die beiden Männer sprechen über das schlechte Geschäft und die verstopften Strassen, aber Melanie versteht in dem Lärm nur einzelne Worte.

An der Kreuzung kämpft ein Verkehrspolizist vergeblich gegen das Durcheinander. Seine Trillerpfeife wird von dem Hupkonzert der Autofahrer übertönt.
Fußgänger laufen zwischen den Autos hindurch auf die andere Straßenseite.
„Sehen Sie Batticha, hier steht es gleich auf der ersten Seite: Jordaniens König Abdullah II. zu Besuch bei Mubarak. Können sie das lesen?“
Der junge Mann reicht ihr seine Zeitung.
„Sie haben sich einen schlechten Tag für ihre Ankunft in Kairo ausgesucht. Insha´ Allah, werden wir vor Einbruch der Dunkelheit in Gizeh sein.“

Eine halbe Stunde später erreichen sie endlich die Mohammed Ali Strasse in Alt-Kairo. Melanie steckt den Kopf aus dem Fenster, als sie an den vielen, kleinen Geschäften der ehemals so berühmten Strasse der Künstler vorbeifahren. Hier kennt sie mittlerweile jeden noch so kleinen Laden und fühlt sich beinahe wie Zuhause.
„Sie lieben unsere Stadt, nicht wahr, Batticha?“
Abdel Hassan lächelt.
„Andere Fahrgäste hätten wegen des Staus schon längst begonnen, sie zu verfluchen.“
Melanie lacht zurück und zeigt auf ein Geschäft für orientalische Tanzkostüme, über dessen Eingang einige perlenbestickte Kleider hängen.
„Dort arbeitet der Mann meiner Freundin als Schneider.“
„Das ist eines der berühmtesten Geschäfte in Kairo. Hier haben sich sogar Nagwa Fouad und Fifi Abdou ihre Kostüme anfertigen lassen.“
Melanie nickt.
Sie kennt viele der ägyptischen Bauchtänzerinnen und hat mit einigen sogar schon einmal auf der Bühne gestanden.
Der Taxifahrer klatscht begeistert in die Hände.
„Sie gefallen mir immer besser, Batticha.“

Allmählich verschwindet die Sonne hinter den Häusern.
Es ist die Zeit, wo das Leben in Kairo allmählich erwacht und immer mehr Menschen aus ihren Wohnungen auf die Strassen und in die Geschäfte stürmen.
Die Luft liegt schwer über dem heißen Asphalt und die Autos bewegen sich weiterhin nur im Schritttempo fort.
Gizeh befindet sich noch einige Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Nils. Melanie fallen die Augen zu, obwohl sie versucht, sich auf das Gespräch mit dem jungen Taxifahrer zu konzentrieren. Nur die laute Musik im Auto hält sie davon ab, wirklich einzuschlafen.

Abdel Hassan entschuldigt sich mit einem charmanten Lächeln.
„Es ist eine schöne Gegend, in der ihre Freundin wohnt. Waren Sie schon einmal im zoologischen Garten? Der ist ja nur ein paar Minuten von der Shari Murad Bey entfernt.“
Melanie nickt.
„Die Kinder meiner Freundin betteln jedes Mal so lange, bis ich sie zu einem Besuch in den Zoo einlade.“
„Ich sehe, Sie kennen Kairo beinahe schon genauso gut wie ich.“
„Das ist übertrieben.“

Während der Taxifahrer sich zu ihr hinüberbeugt und in seinem Handschuhfach herum zu wühlen beginnt, beobachtet Melanie das Geschehen auf der Strasse.

Ein alter Mann versucht, sich mit seinem Handkarren einen Weg durch das Verkehrschaos zu bahnen und flucht, als seine Ladung ins Wanken gerät.
Genau vor dem Taxi bleibt er stehen und fuchtelt mit einem Stock herum, auf den er sich die ganze Zeit beim Gehen gestützt hat. Doch seine Warnung kommt zu spät. Die ersten Wassermelonen rollen von dem Karren herunter.
„Abdel Hassan, Melonen!“, schreit Melanie und zerrt an dem Hemdsärmel des Taxifahrers.
„Batticha, batticha!“, jammert der alte Mann und sieht hilflos zu, wie die dicken Früchte auf den Boden und die Motorhaube des Taxis fallen.
„Das sind Batticha?“, fragt Melanie und zeigt auf die Wassermelonen.
„Ja!“, schimpft Abdel Hassan, „sie werden mir noch meinen ganzen Wagen demolieren!“
„Aber ich….“
Sie hält sich die Hand vor den Mund und beginnt zu lachen.
„Ich habe ihnen doch gesagt, dass der Name nicht zu ihnen passt.“
Der Taxifahrer öffnet die Tür und steigt aus.
„Ich werde mir mal den Schaden ansehen, Batticha.“
„Ich heiße nicht Melone.“
„Nein? Aber so haben sie sich zu Beginn der Fahrt bei mir vorgestellt.“
„Mein Name ist Melanie. M E L A N I E !”

Der Mensch, er klagt, es ist zu lesen
mal wieder übers Bildungswesen.
Zu wenig Lehrer, große Klassen
und Stundenausfall gleich in Massen.

Zum Abi geht es zwar jetzt schneller
doch Noten wandern in den Keller.
Die Freizeit geht den Kindern flöten,
da Zusatzstunden sind von Nöten.

Ein Drittel paukt privat noch weiter
zugunsten der Karriereleiter.
Nur leider können das nicht alle,
und landen in der Gleichheitsfalle.

Denn Bildungschancen, mal ganz ehrlich
sind ungleich und der Weg beschwerlich,
zur Förderung der breiten Masse
statt einer homogenen Klasse.

Wer Glück hat, der wird reich geboren
Wer arm ist, der hat schnell verloren,
denn Klugheit reicht nicht aus fürs Leben,
wenn Förderchancen nicht gegeben.

Auch Lehrer haben nichts zu lachen,
wenn sie zu gute Arbeit machen
und allen Schülern Chancen geben
nach dem Gymnasium zu streben.

Denn auch, wenn Eltern dieses loben,
gibt es den Ärger schnell von oben.
Das Schulsystem schreibt vor, zu trennen,
um das beim Namen gleich zu nennen.

Dreigliedrigkeit ist anzustreben
drum darf es nicht nur Einser geben.
Da konnte man vor Wochen lesen
von einem Fall, der so gewesen,

dass Kinder bessre Noten schreiben.
Nur darf die Lehrerin nicht bleiben,
weil Engagement viel zu gefährlich,
den Frieden stört der Schule – ehrlich?

Jetzt schickt Frau Merkel man auf Reisen,
ihr Bildungsstätten anzupreisen,
die ganz problemlos funktionieren,
und in der Presse nur brillieren.

Die Fehler will man gar nicht zeigen,
die unsrem Schulsystem zu eigen.
Sie zuzugeben, hieße sehen,
dass es so nicht kann weitergehen.

 

Dies ist das Einstandsgedicht zu einem neuen Weblog, meinem “Klassenzimmer” ,
in dem es um die Themen Schule und Bildungschancen geht.

Dinah

Die Lichter der Stadt tanzten auf den Wellen des Nils. Kreuzfahrtschiffe lagen am Ufer und ein paar kleinere Boote mit bunten Lampions geschmückt schaukelten über den Fluss.
Der Ramadan war gerade vorbei und überall wurden Hochzeiten gefeiert.
Die laute Musik und das Trommeln der Tablas vermischte sich mit dem Hupkonzert der Autos, die sich nur mühsam durch den nächtlichen Verkehr schoben.
Die Menschen hatten ihre Wohnungen verlassen, um vor der großen Hitze in der Stadt an die Ufer des Nils zu fliehen. Es herrschte dichtes Gedränge.
Kinder spielten Verstecken und liefen hinunter ans Wasser, um den vorüberfahrenden Booten zuzuwinken.
Kairo lebte jetzt vierundzwanzig Stunden am Tag.
In den Strassen wimmelte es von Touristen, die nach dem Abendessen in ihren Hotels noch einen Einkaufsbummel machen wollten.
Dinah liebte diese Stadt, die nie zur Ruhe kam.
Sie saß in der Eingangshalle des Ramses Hotels und wartete auf ihre Musiker, die noch irgendwo im Stau feststeckten. In dieser Nacht hatte sie einen Auftritt bei einer großen Hochzeitsgesellschaft aus Dubai.

Der Bräutigam hatte sie persönlich angerufen, um sie für diesen Abend zu engagieren. Dinah war zum ersten Mal in ihrem Leben aufgeregt, obwohl sie eine gute Tänzerin war und jeden Abend mindestens zweimal in einem der Hotels oder Nachtclubs der Stadt ihr Publikum verzauberte.
Sie wollte noch einen Augenblick die angenehme Luft des Abends genießen und bat einen Hotelpagen, sich um ihr Gepäck zu kümmern.
Der junge Mann warf ihr einen bewundernden Blick zu.
In Kairo war Dinah ein Star, obwohl der Bauchtanz wegen seiner zur Schau getragenen Freizügigkeit immer häufiger aus dem Nachtleben verschwand. Sie hatte sogar schon anonyme Anrufe bekommen, in denen man sie aufgefordert hatte, mit dem Tanzen aufzuhören und den Schleier anzulegen.

Dinah ging hinaus auf die Strasse und entfernte sich von dem Hotel.
Die Menschen blieben stehen und schauten ihr nach. Einige Männer pfiffen ihr hinterher oder machten anzügliche Bemerkungen. Daran hatte sich Dinah in den letzten Jahren schon gewöhnt.
Sie nahm den Weg hinunter zur Uferpromenade und sah über den Nil auf die andere Seite der Stadt. Für sie waren es die schönsten Momente des Tages, hier zu stehen und sich von der Abendstimmung mitreißen zu lassen.
Dinah war mit ihrem Leben zufrieden, obwohl sie sich manchmal eine Familie und Kinder wünschte. Doch die meisten Männer wollten keine Bauchtänzerin heiraten und so hatte sie sich irgendwann damit abgefunden, alleine zu leben, bis ihr eines Abends Faruk begegnet war.

Faruk, ein junger Mann aus Dubai, der zu einem Kongress nach Kairo gekommen war und jede Nacht mit seinen Geschäftsfreunden in dem Nachtclub des Ramses Hotels verbracht hatte.
Faruk, der sie gleich am ersten Abend darum gebeten hatte, seine Frau zu werden.
Wehmütig betrachtete Dinah den kleinen goldenen Ring an ihrem Finger, den er ihr zum Abschied geschenkt hatte. Gleich würde sie Faruk wieder gegenüber stehen und für ihn und seine Braut tanzen. Er hatte sie darum gebeten, um sie noch einmal sehen zu können.
Dinah holte tief Luft.
Wie oft waren sie hier am Nil spazieren gegangen und hatten von einer gemeinsamen Zukunft geträumt. Doch Faruks Vater hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er einer Ehe mit einer Tänzerin niemals zustimmen würde.

Dinah warf einen Blick auf ihre Uhr.
Die Musiker mussten mittlerweile eingetroffen sein und würden sicher schon auf sie warten, um noch einmal die Auswahl der Lieder mit ihr zu besprechen.
Langsam machte sich Dinah auf den Weg zurück zum Hotel.
Jeder Schritt fiel ihr jetzt schwer. Wie sehr hatte sie gehofft, dass er eines Tages zu ihr zurück kehren würde.
Sein Anruf vor ein paar Wochen hatte jedoch alle ihre Träume zerstört.

Dinah betrat das Foyer des Hotels. Der junge Hotelpage, der sich um ihr Gepäck gekümmert hatte, kam sofort auf sie zu und teilte ihr mit, dass sich ein gutaussehender Mann nach ihr erkundigt hatte und sie in der Hotelbar erwartete. Dinahs Herz schlug höher.
Zwei Jahre waren vergangen, seit sie Faruk zum letzten Mal gesehen hatte. Doch die Erinnerung an seinen Kuss waren so lebendig, als habe sie noch gestern in seinen Armen gelegen. Sie bezweifelte, dass es richtig sein würde, sich jetzt mit ihm zu treffen, wo seine Braut und die ganze Familie im Nachtclub auf ihn wartete. Aber ihr Wunsch, noch ein letztes mal seine Nähe zu spüren, war größer.

In dem Augenblick, wo die Dinah die Hotelbar betrat, wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war, dieses Engagement überhaupt anzunehmen.
Faruk saß an einem kleinen Tisch am anderen Ende des Raumes und hob seine Hand, um ihr ein Zeichen zu geben.
Dinah blieb stehen.
Am liebsten wäre sie sofort hinausgerannt.
Was suchte sie hier?
Faruk stand auf und kam auf sie zu.
Zum ersten Mal trug er nicht sein traditionelles Gewand, sondern einen dunkelblauen Anzug aus feinstem Tuch.
„Liebste Dinah, wie schön, dich endlich wiederzusehen. Du hast mir so sehr gefehlt.“
Sie lächelte verlegen.
Er reichte ihr seinen Arm und führte sie zu dem Tisch, an dem er schon seit einer halben Stunde auf sie gewartet hatte. Er bestellte ihr einen frischen Mangosaft und nahm einen Zug aus seiner Wasserpfeife.
„Schön, dass du meiner Einladung gefolgt bist. Ich hatte schon befürchtet, du würdest gar nicht kommen.“
Dinah schwieg.
Der Gedanke, dass sie ihn gleich für immer verlieren würde, schien ihr unerträglich.
„Sicher wird deine Braut dich schon vermissen.“
Er lachte.
„Meine Liebste, sie wird noch den Rest ihres Lebens mit mir verbringen.“
Er fuhr mit einer Hand über den Tisch und schob ihr einen Schlüssel zu.
Dabei berührte er ihre Finger und sah den Ring, den er damals extra für sie hatte anfertigen lassen.
„Ich habe gewusst, dass du ihn immer tragen würdest.“
Seine Worte waren wie Nadelstiche auf Dinahs Haut.
Sie nahm den Schlüssel und versteckte ihn in ihrer Hand.
„Wie immer,“ sagte er, „die Suite im oberen Stockwerk. Ich werde dich dort erwarten.“
Faruk winkte den Kellner herbei, gab ihm ein großzügiges Trinkgeld und verabschiedete sich von ihr.
„Bis gleich.“, flüsterte er ihr im Vorbeigehen zu und verschwand.

Dinah war zu aufgewühlt, um einen klaren Gedanken fassen zu können.
Es war seine Hochzeitsfeier und er lud sie auf seine Suite ein. Was machte das für einen Sinn?
Sie verließ die Bar und suchte im Foyer nach ihren Musikern.
Der junge Hotelpage lächelte ihr zu.
„Sie sind immer noch nicht eingetroffen, Madame. Die Strassen sind hoffnungslos verstopft, weil Mubarak in Kairo seine Minister empfängt.“
Dinah war nervös.
Sie ging hinüber zu den Aufzügen und fuhr hinauf in die oberste Etage.
Faruks Suite lag am anderen Ende des Flurs.
Von dort hatte man eine einmalige Sicht über die Stadt und den Nil.
Früher war sie nach jedem Auftritt zu ihm gegangen, um die letzten Stunden der Nacht mit ihm zu verbringen.
Ihre Schritte wurden immer langsamer.
Sie blieb vor der Tür stehen, nahm den Schlüssel und zögerte.
Nein!
Dinah rannte zurück zu den Aufzügen, fuhr hinunter ins Erdgeschoss, gab den Schlüssel an der Rezeption ab und lief dann hinaus in die Dunkelheit.

Am nächsten Tag rief sie Mohammed, einen der Musiker an, um sich dafür zu entschuldigen, dass sie auf der Feier nicht erschienen war und sie im Stich gelassen hatte.
Es entstand eine kurze Pause, bevor er ihr eine Antwort gab.
„Der Bräutigam hat uns bezahlt und wieder nach Hause geschickt.
Es hat keine Hochzeit gegeben, Dinah.“

Der Rosenkavalier

Sein Lächeln war
so siegessicher

 

sonst hätte er
dem Straßenverkäufer
nicht gleich alle Rosen
abgenommen
und großzügig
mit einem Schein gewunken

doch das Rot passte nicht
zu ihrem Kleid
und dem jungen Mann
der die Rosen
achtlos wegwarf

 

als wüsste er nicht
von den Dornen

Jedes Jahr zur gleichen Zeit
kommt Herr Sommer angelaufen.
Endlich ist es dann soweit,
einen Anzug sich zu kaufen.

Sonnengelb, das Hemd hellblau
Knitterfrei für jeden Tag.
Denn er weiß es ganz genau,
dass man ihn so gerne mag

Doch im Laden in der Stadt
hängt nur Grau in diesem Jahr,
fein sortiert und bügelglatt.
Sommer denkt, das ist nicht wahr,

dass er sich so kleiden soll
und die Menschen sich beklagen.
Denn sie finden gar nicht toll,
Wintersachen nur zu tragen,

da dem Grau die Wärme fehlt
Eis zu essen und zu baden.
Derweil sich Herr Sommer quält,
so dem Alltag nur zu schaden.

Donnergrollend stürmt er gleich
In den Keller und – fürwahr,
himmelblau und sonnenreich
liegt da noch vom letzten Jahr

der alte Anzug, blütenfrisch
strahlt er wie ein Julitag
und Herr Sommer freuet sich,
weil man ihn nun wieder mag.

(2004)

Seit der Geburt unseres Sohnes bleibt mein Mann zuhause.
Freiwillig – was er immer wieder betont, als müsse er alle davon überzeugen, das er nun ein bekennender Hausmann ist. Obwohl es ihm am Anfang schwer gefallen ist, seinen Schreibtisch gegen eine Mickeymaus-Wickelkommode zu tauschen und sich mit den Geheimnissen einer gesunden Babyernährung vertraut zu machen, hat er sich bisher nicht ein einziges Mal beklagt.
Nein, im Gegenteil. Er meistert diese für ihn neue Situation mit Bravour.
Neuerdings geht er sogar mit unserem Sohn Konstantin in eine Krabbelgruppe.
„Stell dir vor Schatz. Dort bin ich nicht einmal der einzige Mann unter Müttern.“
Und dann erzählt er mir von Lars.

Lars gehört zu den Gladiatoren von heute. So nennt er sich zumindest, wenn er von seinem Hausmanndasein spricht.
Täglich kämpft er auf Leben und Tod.
Seine Gegner sind klein, abstoßend und stinken, dass es ihm übel wird, sobald sie ihm unter die Nase kommen. Seine Arena ist ein Zwölfquadratmeter-Kinderzimmer, wo ihm ein paar Dutzend Plüschtiere und vier Puppen bei seinem Kampf zuschauen.
So zärtlich er auch zu seiner Tochter ist, fürchtet er doch den Moment, wenn sie zu plärren beginnt und er weiß, dass es mal wieder soweit ist. Am ersten Tag glaubte er noch, es könne hilfreich sein, die kleine Jennifer abzulenken und mit einem Blick auf die Uhr zu hoffen, dass seine Frau bald nach Hause kommen und ihm die Arbeit abnehmen würde. Aber seine Tochter machte ihm einen Strich durch die Rechnung und Lars in diesem Moment Bekanntschaft mit einem ganz besonderen Mechanismus, dem Ich-hab-die-Hosen-voll-Mechanismus.
Eine anfängliche Unruhe, die bald zu einem Wimmern und Nörgeln wird, um sich nach einigen Minuten in ein markerschütterndes Schreien zu verwandeln, das selbst den hartgesottensten Artgenossen unter den Hausmännern nicht mehr kalt lässt. Merkwürdig, dass seine Frau dann immer so gelassen bleiben kann, findet Lars.

Glücklicherweise ist mein Mann ganz anders als sein Krabbelgruppenkollege.
Ihm macht es nichts aus, die Windeln unseres Sohnes zu wechseln.
Ganz im Gegenteil – wie er mir immer wieder versichert. Konstantins zufriedenes Glucksen entschädigt ihn für alles.
So ist mein Mann – ein echter Hausmann eben, der das Zusammensein mit seinem Sohn genießt und keine Berührungsangst vor geschlechter-übergreifender Arbeit hat.

Dachte ich.
Bis ich vorgestern unerwartet eine Stunde früher vom Büro nach Hause kam.

Florian – so heißt mein Mann – stand leichenblass an der Hauswand.
In der rechten Hand hielt er den Windeleimer, dessen Inhalt sich gleichmäßig verteilt auf dem Boden befand. Auf der Stirn meines Mannes konnte ich deutlich das Wort Panik lesen.
„Schatz!“, rief ich ihm zu, „kannst du bitte einmal kommen. Ich habe den Hausschlüssel vergessen.“
Erleichtert kam Florian auf mich zu und begrüßte mich – wie immer – mit seinem charmanten Lächeln.
Er schloss die Tür auf und folgte mir in die Diele.
„Hattest du einen angenehmen Tag, Liebes?“
„Ja, mein Schatz. Ich habe mir extra eine Stunde früher freigenommen, damit wir mit Konstantin noch in den Park gehen können.“
„Mach du den Kleinen schon fertig, ich muss mich noch um den Windeleimer kümmern.“
Sein Gesicht nahm wieder diese eigenartige Blässe an. Ich musste ihm helfen.
„Nein, Florian. Lass mich das machen. Kümmere du dich um Konstantin. Du hast schließlich schon den ganzen Tag hier im Haus geschuftet.“

Niemand kann sich vorstellen, wie erleichtert mein Mann war – außer Lars.

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