Langsam bahnt sich der Taxifahrer einen Weg durch die verstopften Strassen von Kairo. Melanie sieht aus dem Fenster und beobachtet die Menschen, die auf dem staubigen Asphalt an ihr vorüberziehen.
Der junge Mann hinter dem Steuer bietet ihr eine Zigarette an und lächelt.
„Sind Sie zum ersten Mal in Ägypten, Madame?“
Seine Stimme klingt angenehm.
Während Melanie ihm erzählt, dass sie jedes Jahr ein paar Wochen in Kairo verbringt, wühlt er in seinem Handschuhfach und hält bald darauf eine Kassette in der Hand.
„Das ist arabische Musik, Madame“, verkündet er stolz und beginnt zu singen.
Dabei trommelt er mit seinen Fingern auf das plüschbezogene Lenkrad des alten Peugeots.
In dem Taxi ist es unerträglich heiß.
Melanie kurbelt das Fenster hinunter und fächert sich mit einer Zeitschrift, die sie im Flugzeug bekommen hat, etwas Luft zu.
Der junge Mann neben ihr lacht und reicht ihr ein Erfrischungstuch.
„Der jordanische König ist gerade zu einem Gespräch mit Mubarak eingetroffen. Dann läuft hier auf den Strassen so gut wie nichts mehr.“
Er winkt einen kleinen Jungen heran, der zwischen den Autos hindurchläuft und bittet ihn, zwei Flaschen Cola zu besorgen.
„Wir werden bestimmt noch zwei Stunden brauchen.“
Sein Englisch ist nicht besonders gut, aber sein Lächeln charmant.
„Woher kommen Sie?“
„Aus der Nähe von Stuttgart.“
„Sie sind Deutsche? Mein Bruder hat vor zwei Jahren eine deutsche Frau geheiratet und lebt jetzt hier mit ihr in Kairo. Sie müssen uns unbedingt einmal besuchen kommen.“
Er gibt ihr seine Visitenkarte.
„Die beiden haben gerade einen Sohn bekommen. Tarik Andreas heißt er und ist genauso blond wie meine Schwägerin.“
Melanie streckt die Beine aus und versucht es sich so bequem wie möglich zu machen. Sie ist müde von dem Flug und sehnt sich danach, ein Bad zu nehmen und eines ihrer leichten Sommerkleider anzuziehen.
„Ich heiße Abdel Hassan.“
„Melanie.“
Er wiederholt langsam ihren Namen und grinst.
„Der Name passt nicht zu Ihnen.“
Ehe sie etwas sagen kann, steckt der Junge mit der Cola neugierig seinen Kopf in das Auto, überreicht dem Taxifahrer die beiden Flaschen und nimmt dafür strahlend das Kleingeld entgegen.
„Schöne Frau, herzlich willkommen in Ägypten.“
Sie bedankt sich auf Arabisch und schenkt ihm ein paar Piaster.
Er küsst ihre Hand und rennt davon.
Melanie trinkt die Flasche in einem Zug aus und legt sie anschließend zu ihrem Handgepäck auf den Rücksitz. Abdel Hassan beobachtet sie amüsiert.
„Batticha!“
Sie sieht ihn fragend an.
“Das ist ihr Name auf Arabisch.“
Klingt hübsch, denkt sie und überlegt, ob sie das Wort irgendwo schon einmal gehört hat.
„Wie lange werden Sie in Kairo bleiben, Batticha?“
„Drei bis vier Wochen. Danach fahre ich mit meiner Freundin noch ans Meer.“
„Lebt ihre Freundin hier?“
„Ja, seit fast fünf Jahren.“
„Viele ausländische Frauen leben bei uns in Kairo. Möchten Sie auch eines Tages für immer in Ägypten bleiben?“
Melanie zögert einen Augenblick.
„Ich weiß es nicht, vielleicht…“
Vor ihnen ist ein Mopedfahrer mit Anhänger gestürzt, der einige Kisten mit Apfelsinen geladen hatte, die nun auf der Straße herumliegen.
Sofort sind ein paar Kinder herbeigeeilt, die zwischen den Autos herumkriechen und das Obst aufsammeln.
Abdel Hassan flucht.
Seit einer halben Stunde sind sie nur schrittweise vorwärts gekommen.
„Ämschi!“, ruft er den Kindern zu, was soviel heißt wie „Haut ab“.
Der Mopedfahrer steht am Straßenrand und begutachtet sein beschädigtes Fahrzeug.
Melanie wirft einen Blick auf ihre Uhr.
Zum Glück hat sie den Fahrpreis mit Abdel Hassan im Voraus ausgehandelt.
„Soll ich uns ein Sandwich besorgen, Batticha?“, fragt er sie und zeigt auf einen kleinen Laden an der gegenüberliegenden Straßenecke.
„Dort schmecken sie besonders gut.“
Da sie seit dem Morgen nichts vernünftiges gegessen hat außer den Pappbrötchen im Flugzeug, nimmt sie sein Angebot gerne an.
Sofort hat er wieder einen Jungen herbei gewunken und bittet ihn, zwei Käsesandwichs und eine Tageszeitung für ihn zu besorgen. Melanie versucht, sich diese Szene in Deutschland vorzustellen und lacht.
Langsam beginnt ihr dieses Verkehrschaos zu gefallen, das sie so noch nie erlebt hat, obwohl sie schon sieben Mal in Kairo war.
Während Abdel Hassan sich durch das geöffnete Fenster lautstark mit einem Kollegen unterhält, lehnt sie sich zurück und beginnt, ihr Sandwich zu essen.
Die beiden Männer sprechen über das schlechte Geschäft und die verstopften Strassen, aber Melanie versteht in dem Lärm nur einzelne Worte.
An der Kreuzung kämpft ein Verkehrspolizist vergeblich gegen das Durcheinander. Seine Trillerpfeife wird von dem Hupkonzert der Autofahrer übertönt.
Fußgänger laufen zwischen den Autos hindurch auf die andere Straßenseite.
„Sehen Sie Batticha, hier steht es gleich auf der ersten Seite: Jordaniens König Abdullah II. zu Besuch bei Mubarak. Können sie das lesen?“
Der junge Mann reicht ihr seine Zeitung.
„Sie haben sich einen schlechten Tag für ihre Ankunft in Kairo ausgesucht. Insha´ Allah, werden wir vor Einbruch der Dunkelheit in Gizeh sein.“
Eine halbe Stunde später erreichen sie endlich die Mohammed Ali Strasse in Alt-Kairo. Melanie steckt den Kopf aus dem Fenster, als sie an den vielen, kleinen Geschäften der ehemals so berühmten Strasse der Künstler vorbeifahren. Hier kennt sie mittlerweile jeden noch so kleinen Laden und fühlt sich beinahe wie Zuhause.
„Sie lieben unsere Stadt, nicht wahr, Batticha?“
Abdel Hassan lächelt.
„Andere Fahrgäste hätten wegen des Staus schon längst begonnen, sie zu verfluchen.“
Melanie lacht zurück und zeigt auf ein Geschäft für orientalische Tanzkostüme, über dessen Eingang einige perlenbestickte Kleider hängen.
„Dort arbeitet der Mann meiner Freundin als Schneider.“
„Das ist eines der berühmtesten Geschäfte in Kairo. Hier haben sich sogar Nagwa Fouad und Fifi Abdou ihre Kostüme anfertigen lassen.“
Melanie nickt.
Sie kennt viele der ägyptischen Bauchtänzerinnen und hat mit einigen sogar schon einmal auf der Bühne gestanden.
Der Taxifahrer klatscht begeistert in die Hände.
„Sie gefallen mir immer besser, Batticha.“
Allmählich verschwindet die Sonne hinter den Häusern.
Es ist die Zeit, wo das Leben in Kairo allmählich erwacht und immer mehr Menschen aus ihren Wohnungen auf die Strassen und in die Geschäfte stürmen.
Die Luft liegt schwer über dem heißen Asphalt und die Autos bewegen sich weiterhin nur im Schritttempo fort.
Gizeh befindet sich noch einige Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Nils. Melanie fallen die Augen zu, obwohl sie versucht, sich auf das Gespräch mit dem jungen Taxifahrer zu konzentrieren. Nur die laute Musik im Auto hält sie davon ab, wirklich einzuschlafen.
Abdel Hassan entschuldigt sich mit einem charmanten Lächeln.
„Es ist eine schöne Gegend, in der ihre Freundin wohnt. Waren Sie schon einmal im zoologischen Garten? Der ist ja nur ein paar Minuten von der Shari Murad Bey entfernt.“
Melanie nickt.
„Die Kinder meiner Freundin betteln jedes Mal so lange, bis ich sie zu einem Besuch in den Zoo einlade.“
„Ich sehe, Sie kennen Kairo beinahe schon genauso gut wie ich.“
„Das ist übertrieben.“
Während der Taxifahrer sich zu ihr hinüberbeugt und in seinem Handschuhfach herum zu wühlen beginnt, beobachtet Melanie das Geschehen auf der Strasse.
Ein alter Mann versucht, sich mit seinem Handkarren einen Weg durch das Verkehrschaos zu bahnen und flucht, als seine Ladung ins Wanken gerät.
Genau vor dem Taxi bleibt er stehen und fuchtelt mit einem Stock herum, auf den er sich die ganze Zeit beim Gehen gestützt hat. Doch seine Warnung kommt zu spät. Die ersten Wassermelonen rollen von dem Karren herunter.
„Abdel Hassan, Melonen!“, schreit Melanie und zerrt an dem Hemdsärmel des Taxifahrers.
„Batticha, batticha!“, jammert der alte Mann und sieht hilflos zu, wie die dicken Früchte auf den Boden und die Motorhaube des Taxis fallen.
„Das sind Batticha?“, fragt Melanie und zeigt auf die Wassermelonen.
„Ja!“, schimpft Abdel Hassan, „sie werden mir noch meinen ganzen Wagen demolieren!“
„Aber ich….“
Sie hält sich die Hand vor den Mund und beginnt zu lachen.
„Ich habe ihnen doch gesagt, dass der Name nicht zu ihnen passt.“
Der Taxifahrer öffnet die Tür und steigt aus.
„Ich werde mir mal den Schaden ansehen, Batticha.“
„Ich heiße nicht Melone.“
„Nein? Aber so haben sie sich zu Beginn der Fahrt bei mir vorgestellt.“
„Mein Name ist Melanie. M E L A N I E !”