„Sabine, bist du soweit?“
Ich nahm meine Handtasche vom Bett und verließ das Schlafzimmer.
Salwa stand im Flur und richtete ihren Schleier.
„Ziehst du keine Jacke über?“, fragte sie und starrte auf meine entblößten Arme.
Es war Anfang August und die Temperatur in Alexandria selbst nachts beinahe unerträglich.
Mein „Nein“ klang vorwurfsvoll.
Sie lächelte.
Das machte sie immer, wenn wir nicht einer Meinung waren.
„Dann komm, bevor meine Mutter dir noch einen Mantel ausleiht.“
Lachend zog sie mich hinaus ins Treppenhaus und wir liefen Hand in Hand die Stufen hinunter.
Ihre Augen strahlten.
„Hast du Lust, am Meer spazieren zu gehen?“
Und ob ich die hatte!
Wir fuhren mit dem Taxi nach El Mansheya.
„Magst du unsere Stadt?“, fragte Salwa, als wir durch eine Strasse fuhren, die für eine Hochzeit mit bunten Lampions geschmückt war.
Ich nickte, obwohl mir im gleichen Moment klar war, dass ich niemals in Alexandria würde leben können.
„Gestern hat jemand bei meinem Bruder um deine Hand angehalten.“
Daher wehte also der Wind.
Salwa stellte Fragen selten ohne Hintergedanken.
Zwanzig Minuten später saßen wir am Strand. Salwa hatte uns an einem Kiosk zwei kleine Flaschen Cola besorgt und stellte sie auf den Stuhl zwischen uns.
Eine Weile beobachteten wir schweigend das Meer.
„Möchtest du schwimmen, Sabine? Es muss wunderbar sein, nachts in den Wellen zu baden.“
„Nur, wenn du mitkommst.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Aber geh du ruhig. Ich schau dir zu.“
Ihre Stimme klang beinahe traurig.
„Komm“, sagte ich und nahm ihre Hand, „nur mit den Füßen. Niemand wird uns sehen.“
„Ahmed hat es mir aber verboten.“
„Dein Bruder wird es nie erfahren.“
Salwa zögerte.
Ich zog meine Sandalen aus und stellte sie unter den Stuhl.
„Warte.“, sagte sie plötzlich ganz leise und begann ihre Schuhe und die Nylonstrümpfe auszuziehen.
Gemeinsam gingen wir durch den immer noch warmen Sand zum Meer.
Salwa juchzte wie ein kleines Kind, als eine Welle ihre Füße umspülte.
Wir wateten durch das Wasser und lachten.
Später saßen wir noch eine ganze Zeit am Strand und Salwa erzählte mir Geschichten aus ihrer Kindheit.
Währenddessen versuchte sie, den Sand zwischen ihren Zehen zu entfernen und zog dabei mühsam die Nylonstrümpfe über die noch nassen Füße.
Ihre Augen strahlten noch, als wir langsam zurück gingen und Salwa ein Taxi für uns herbeirief.
„Das war der schönste Tag in meinem Leben.“, flüsterte sie mir ins Ohr.
Auf der Heimfahrt sangen wir „Ya Iskanderija“ (Oh, Alexandria) und klatschten dabei in die Hände.
„Es wäre schön, wenn du für immer hier bleiben könntest, Sabine.“
An jenem Abend wäre ich sogar bereit gewesen, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.





