Er ist wieder da.
Aufdringlich wie in jedem Jahr verscheucht der November am Morgen die Bettwärme und macht sich auf dem Laken breit. Lästig ist mir seine Kälte an den Zehen, die unter der Decke hervorschauen. Doch darum schert er sich nicht. Er möchte in meinen Gedanken nisten, die noch viel zu sehr am Sommer hängen. Und an dir.
„Lass die Dunkelheit ruhig herein“, pfeift er mir ins Ohr, nachdem ich aufgestanden bin um das Fenster zu schließen.
Stürmisch klopft er nun an die Scheiben; doch ohne jede Leidenschaft.
Die scheint ihm zuwider. Und zu farbenfroh.
Er bevorzugt das Triste. Darum mag ich seine Anwesenheit nicht.
Als könne ich den November damit verscheuchen, ziehe ich die Vorhänge wieder zu.
Der Stoff ist ein Mitbringsel aus Marrakesch. Dunkles Orange.
Es erinnert mich an die Farbe marokkanischer Häuser beim Sonnenuntergang.
Dagegen kommt auch der Regen nicht an, der im monotonen Rhythmus auf die Fensterbretter trommelt.
Die Zeit der Tränen ist vorbei.
Ob ich dich heute Abend einfach anrufen soll?
Wir könnten noch einmal mit den Träumen beginnen.
Dir hat dieses Haus mitten in der Kasbah doch auch so gut gefallen. Übermorgen ist das Konzert von Khaled. Ich habe noch eine Karte übrig. Vielleicht …
Auf dem Weg zur Bushaltestelle holt er mich wieder ein.
Mit einem Windstoß zieht er mir seinen dunklen, klammen Mantel über und hängt schwer auf meinen Schultern. In den Gesichtern der Menschen, die ich im Vorbeigehen anschaue, findet sich kein Lächeln.
Nur Novemberlauniges.
Doch meine Gedanken sind so bunt wie das Treiben auf dem Gauklerplatz in Marrakesch.
Ich singe gegen den Regen. „Zine, zina ah ya kenza“.
Und mitten drin stehst du.
Ganz nah.
Eine kleine Hand zieht an meiner Jacke.
„Was ist das für eine Sprache, die du da singst?“
Neugierig schauen zwei blaue Augen unter einem Kinderschirm hervor.
„Das ist Arabisch.“
„Ich mag das Lied. Bist du verliebt? Mein Papa sagt, dass Menschen immer singen, wenn sie verliebt sind.“





