„Lass uns endlich gehen, Habibti.“, lallte Mahmoud.
Er stank nach billigem Rotwein und Erwartung.
Angewidert löste Lena sich aus seiner Umarmung und stieß ihn zur Seite.
„Du bist meine Frau!“, protestierte er, packte sie am Hals und gab ihr einen Kuss.
„Hör auf damit, du bist betrunken!“
„Weil ich eine Frau habe, die mir nicht gehorcht.“
Lena nahm ihre Jacke von der Garderobe und legte sie über ihre Schultern.
„Ich werde alleine nach Hause gehen.“
Mahmoud stellte sich ihr in den Weg.
„Willst du mich vor meinen Freunden lächerlich machen?“
„Dafür bist du ganz alleine verantwortlich.“
Sie bat ihn, sie gehen zu lassen. Er torkelte. Hielt sich an ihr fest.
„Wenn du mich nicht mitnimmst, werde ich bei Gitta schlafen. Sie ist schon eine ganze Weile scharf auf mich.“
Lena lachte.
„Sie wird erfreut sein, wenn du in diesem Zustand bei ihr auftauchst.“
Mahmoud wagte einen letzten Versuch.
Er nahm die Hand seiner Frau, ließ sich vor ihr auf die Knie fallen und bat um Verzeihung.
Sie schüttelte den Kopf.
„Das hast du mir schon zu oft versprochen. Du wirst dich nicht ändern. Ich habe es satt. Endgültig.“
„Was verlangst du von mir?“
Mahmoud winselte wie ein kleiner Hund.
„Wollt ihr schon gehen?“
Gamal, der Gastgeber und Mahmouds bester Freund stand auf einmal mit einem Teller Falafel in der Hand im Flur. Wie gerufen.
„Du hattest uns versprochen, die Tabla zu spielen. Elke zieht sich schon um. Ihren Tanz dürft ihr auf keinen Fall versäumen.“
„Gamal, ich bin müde.“, flüsterte Lena.
„Aber du bleibst doch, Mahmoud? Der Abend hat erst begonnen und du kannst später hier schlafen. Meine Frau wird nichts dagegen haben. Gäste sind uns immer willkommen.“
Lena nutzte die Gelegenheit, sich zu verabschieden.
Ihr Mann würde es nicht wagen, vor seinem Freund einen Streit anzufangen. Sie rannte die Treppe hinunter auf die Strasse.
Es regnete.
Dennoch beschloss sie, zu Fuß nach Hause zu gehen.
In der feuchten Luft verblasste die Erinnerung an Mahmouds ekligen Geruch schnell.
Lena kam am Cafe Ya Habibi vorbei und blieb einen Moment stehen.
Früher hatten sie hier oft bis nach Mitternacht gesessen, Musik gehört und sich mit Freunden unterhalten. Doch schon längst war Mahmoud nicht mehr der Mensch, den sie vor drei Jahren in Alexandria kennen gelernt hatte. Sie würde sich scheiden lassen. So schnell wie möglich.
Zögernd betrat sie das Cafe und sah sich um.
An den Tischen saßen überwiegend Frauen, die sich nach dem Bauchtanzunterricht zusammengesetzt hatten, um den nächsten Auftritt oder eine Reise nach Ägypten zu besprechen. Einige von ihnen kannte Lena
flüchtig und begrüßte sie im Vorbeigehen.
Sie nahm an der Theke Platz und bestellte einen Cafe maure.
„Salem Aleikum, Lena.“
Rashid, der Besitzer des Cafes begrüßte sie überschwänglich.
„Wo bleibt denn dein Mann?“
„Ich bin alleine hierher gekommen.“
Der junge Algerier stellte das Tablett mit dem Kaffee auf dem Tresen ab und sah Lena besorgt an.
„Ist es etwas Ernstes?“
„Ich werde mich scheiden lassen.“
„Wegen dieser hübschen Tänzerin?“
„Weil er sich ständig betrinkt….Eine Tänzerin? Davon weiß ich nichts.“
Rashid schlug sich mit der Hand auf den Mund.
„Entschuldigung, ich dachte….“
Lena starrte auf ihren Cafe maure.
„Nein“, sagte sie so leise, dass der Cafebesitzer sie kaum verstehen konnte, „ich habe nicht gewusst, dass er mir fremdgeht.“
„Reden wir später, ja? Ich muss mich gerade um meine Gäste kümmern.“
Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und bahnte sich dann mit dem Tablett einen Weg vorbei an den gutbesetzten Tischen.
„Hast du das wirklich nicht gewusst?“
Rashid zog Lena in die Küche. Seine Stimme klang erstaunt.
„Die ganze Bauchtanzszene hat sich darüber schon das Maul zerrissen.“
„Schön, dass ich es jetzt auch einmal erfahre.“
„Komm her, ya Ishtar!“
Der junge Algerier nahm sie in den Arm.
„Du hast einen besseren Mann verdient. Mahmoud war abends oft alleine hier und hat sich mit dieser Tänzerin getroffen. Sie hatten sogar geplant, im Herbst gemeinsam nach Ägypten zu fliegen.“
„Das wird ja immer besser!“
„Ich habe ihn mehrmals gebeten, die Finger von dieser Frau zu lassen, aber er hat mich nur ausgelacht. Das sei schließlich alleine seine Angelegenheit, in die ich mich nicht einzumischen hätte, es sein denn…“
Rashid nahm ein Bund frischer Minze und zerpflückte es.
„Es sei denn, ich sei aus persönlichen Gründen daran interessiert, eure Ehe zu zerstören.“
„Das ist doch Blödsinn!“
„Nicht ganz, Lena.“
Einen Augenblick lang schwiegen beide.
Der junge Mann verteilte die Minze in ein paar Teegläser und stellte diese anschließend auf ein Tablett.
„Was hat das zu bedeuten, Rashid?“
„Ich habe Deinem Mann einmal gesagt, dass ich es nicht zulassen würde, wenn er dich schlecht behandelt.“
„Und?“
„Er hat mich ausgelacht.“
„Weshalb?“
Rashid nahm ein Blatt Minze und kaute nervös darauf herum.
„Ich sei ein Narr, eine verheiratete Frau zu lieben. Er würde dich niemals freigeben.“
Der Cafebesitzer stieß die Küchentür mit dem Fuß auf und balancierte das Tablett auf einer Hand gekonnt durch das Lokal bis zum dem letzten Tisch, an dem die Tänzerinnen saßen. Lena blieb stehen und sah ihm nach.
Mahmoud öffnete die Tür zu dem Cafe, in dem er sich seit Monaten mit dieser Tänzerin traf. Er hatte keine Lust, die Nacht alleine verbringen zu müssen.
Sicher würde Celia mit zu Gamals Party kommen. Sie hatte ihm bisher jeden Wunsch erfüllt.
Erwartungsvoll schaute er sich um.
Wie oft hatte er sich hier mit ihr getroffen und in ihren Armen von einem süßen Leben voller Musik und rauschender Feste geträumt. Sie alleine war es, die ihm geben konnte, wonach er verlangte. Solange seine Frau nichts davon erfuhr. Denn eine Scheidung würde für ihn bedeuten, die Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren.
Den Preis war er nicht bereit zu zahlen. Auch nicht für diese Tänzerin.
Doch der Rotwein machte ihn gierig.
Seine Hände fieberten danach, Celias Körper anzufassen. Er musste sie haben. Am besten gleich, bevor er seine Kontrolle ganz verlor.
„Rashid!“, warf er sich dem Algerier an den Hals, „wo ist meine strahlende Göttin der Verführung? Hast du sie heute Abend schon gesehen?“
„Du bist wieder betrunken, Mahmoud. Geh nach Hause und belästige meine Gäste nicht.“
„Aber ich muss sie finden, meine einzige Liebe.“
Der Cafebesitzer stieß ihn zur Seite.
„Du bist verheiratet. Hast du das vergessen?“
„Nein“, lallte Mahmoud, „das weiß ich, doch…“
Bevor er seinen Satz beenden konnte, ging die Tür des Cafes auf und Celia stand in Begleitung von zwei Freundinnen vor ihm.
Er ging nur einen Schritt auf sie zu, umfasste ihre Taille und suchte gierig mit seinen Lippen nach ihrem Mund.
„Ya elbi, ya aini! Wie sehr hast du mir gefehlt.“
Celia liebte es, im Mittelpunkt zu stehen und die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich zu ziehen. Und sie genoss Mahmouds offenkundige Lust, mit ihr zu schlafen.
„Ich komme gerade von einem langweiligen Essen im Al Salam. Dort war heute Abend nicht viel los.“
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und lachte. Viel zu laut.
„Wohin gehen wir? Ich habe schon lange nicht mehr richtig gefeiert.“
Wenige Minuten später verließen die beiden gemeinsam das Cafe.
Mahmoud warf dem jungen Algerier einen verschwörerischen Blick zu und lallte: „Kein Wort zu meiner Frau!“, bevor er sich mit Hingabe Celias Dekollete widmete.
„Das wird nicht mehr nötig sein.“
Diese Stimme! Sie riss ihn aus der Vorfreude auf die bevorstehende Nacht.
Wieso war Lena nicht zuhause?
Sie hatte ihn belogen und die Gelegenheit genutzt, sich heimlich mit Rashid zu treffen.
„Mistkerl!“, fluchte Mahmoud, stieß Celia zur Seite und torkelte zurück in das Lokal. Die Vorstellung, dass Lena ihn mit diesem Cafebesitzer betrog, machte ihn rasend. Sie war seine Frau, auch wenn er sie nicht liebte. Sie gehörte ihm und nicht diesem Algerier.
„Komm her, du gemeiner Hund! Ich bringe Dich um!“
„Du bist betrunken, Mahmoud. Wenn du nicht sofort mein Cafe verlässt, werde ich die Polizei rufen.“
Lena ging langsam die Strasse hinunter zur Bahnhaltestelle.
Noch einmal sah sie sich um und vernahm das wütende Geschrei ihres Mannes. Sie hatte keine Angst.
Morgen würde sie die Scheidung einreichen. Endgültig.






Eigentlich traurig. Andererseits passiert ähnliches viel zu oft.
So long