Es ist sechs Uhr vierzehn.
Ein ganz gewöhnlicher Donnerstagmorgen, der mich in wenigen Sekunden zum ersten Mal in Versuchung führen wird. Der Radiowecker springt an und beendet eine viel zu kurze Nacht mit einem Hit aus den 80er Jahren.
Ich bin noch nicht wach, drehe mich träge auf die andere Seite und muss in dem Augenblick schon jede Menge Kraft aufbringen, zu widerstehen.
Nicht dem athletischen Körper eines jungen Mannes. Nein, weit gefehlt. Davon habe ich in der letzten Nacht höchstens geträumt.
Wecker ausmachen und weiterschlafen heißt die Versuchung, die mich jeden Morgen heimsucht. Einer listigen Schlange gleich aalt sie sich in meinem Bett und versucht, mich am Aufstehen zu hindern. Aber ich bin stark. Immerhin schaffe ich es in kaum mehr als zehn Minuten, mich ihrem Reiz zu entziehen. Widerstehen will gelernt sein. Aber Gefahren lauern an jeder Ecke.
Die nächste begegnet mir bereits in der Küche. Genauer gesagt, im Kühlschrank, den ich geöffnet habe, um Wurst und Käse für das Pausenbrot meines Sohnes heraus zu holen.
Der selbstgemachte Schokoladenpudding in der Glasschüssel zieht meine Finger magnetisch an. „Nein“, sage ich ziemlich laut, obwohl es außer mir niemand hört, „Pfoten weg. Der ist für heute Abend!“
Bevor mich weitere Wohlgerüche locken können, mache ich mich auf den Weg ins Kinderzimmer. Mein Sohn schläft noch tief und fest.
Sein gleichmäßiger Atem erinnert mich daran, das mir in dieser Nacht mindestens zwei Stunden gefehlt haben müssen.
Darum lasse ich es mir auch nicht zweimal sagen, als mein Nachwuchs die Augen aufschlägt, seine Arme um mich schlingt und mich zu sich zieht.
„Komm, Mama. Schmusen. Ich bin noch so müde.“
Aber die innere Uhr tickt. In spätestens vierzig Minuten müssen wir an der Bahnhaltestelle sein. Eile ist angesagt, denn Filius trödelt am Morgen auch gerne und ausgiebig.
Zum Glück hat das Bad nichts zu bieten, außer einem zerzausten Wuschelkopf im Spiegelbild, der noch gebändigt werden muss und Wasser, das nur lauwarm wird, wenn mehrere Mieter im Haus zur gleichen Zeit duschen.
Währenddessen sitzt mein Sohn seelenruhig im Wohnzimmer und baut an seiner Ritterburg. Selbstverständlich im Schlafanzug, weil ich noch nicht oft genug gesagt habe, er möge sich bitte anziehen.
„Ich möchte aber lieber spielen.“
Wenn er wüsste, was ich jetzt alles viel lieber machen würde, als mich in eine überfüllte Straßenbahn zu quetschen, um ihn in die Schule zu bringen und danach ins Büro zu fahren.
Um kurz nach acht kann ich an einem Tag wie diesem zum ersten Mal durchatmen.
Ich stehe pünktlich an der Bushaltestelle. Die Sonne lacht verführerisch. Ein Spaziergang am Decksteiner Weiher wäre jetzt sicher viel schöner als vier Stunden vor dem Bürocomputer zu sitzen und Zahlungen einzubuchen. Aber ich verwerfe den Gedanken sehr schnell wieder.
Später, als mein Chef mir schlecht gelaunt die Unterschriftsmappe auf den Tisch knallt, weil auf einem Beleg ein Stempel fehlt, bereue ich mein Pflichtbewusstsein. Hätte ich mir doch kurzfristig einen Urlaubstag gegönnt!
Nun, mein Arbeitsplatz ist zumindest kein Ort der Versuchungen, wenn man von jener absieht, meinem Chef endlich einmal die Meinung zu sagen. Und die werde ich mir die nächsten Jahre nicht leisten können.
Der Feierabend – wer hat dieses Wort eigentlich erfunden – stellt mich bereits vor die nächste Entscheidung. Wie gerne würde ich mir jetzt ein paar Stunden im Freien gönnen, mal wieder einen Stadtbummel machen oder einen Früchtebecher mit Sahne in meinem Lieblingseiscafe verputzen. Der Himmel lockt mit wolkenlosen Versprechen.
Die Pflicht mit hoher Stauwahrscheinlichkeit auf eine baustellenübersäte Autobahn Richtung Bochum. Ich könnte diesen Kurs ja einmal ausfallen lassen, nur ein einziges Mal. Wer weiß denn schon, ob der Sommer sich am Wochenende nicht schon wieder verabschiedet hat.
Aber wie soll ich meinem siebenjährigen Sohn erklären, dass ich heute keine Lust habe, ihn zu seinem Unterricht zu fahren, sondern lieber die Sonne genießen möchte?
Öffne ich ihm damit nicht Tor und Tür zu schwänzen, wenn er mal wieder keinen Bock auf die Schule hat? Der Appell an die Vorbildfunktion gewinnt.
Zur Belohnung ist der Stau um Wuppertal herum an diesem Tag nur zwei Kilometer lang. Eine nahezu erholsame Fahrt.
Und im Unicenter kann ich mich schließlich auch ins Literaturcafe setzen und einen Milchkaffee trinken, während der Nachwuchs naturwissenschaftlich experimentiert. Was will ich mehr?
Buchhandlungen. So weit das Auge reicht, nur Bücher.
In einem Einkaufszentrum gegenüber der Universität sicher nichts außergewöhnliches. Für meinen Geldbeutel aber sehr gefährlich. Und für die allmählich nachlassende Widerstandskraft auch.
Also mache ich mich auf den Weg zurück, nachdem ich schnell noch zwei Pizzas für das Abendessen gekauft habe. Donnerstag ist Fastfoodtag. Denn es muss schnell gehen, wenn wir nach neunzehn Uhr endlich zuhause sind.
Auf der Heimfahrt erzählt mein Filius ohne Punkt und Komma, was er gerade über Elektrizität gelernt hat und demonstriert stolz auf einem Brett mit allerlei Kabeln, Glühbirne und Batterien, wie „das mit dem Strom“ funktioniert.
„Schau doch mal, Mama. Hab ich das nicht schön gebastelt?“
„Schatz, ich muss mich jetzt auf den Verkehr konzentrieren. Zeig es mir, wenn wir daheim sind, ja?“
Er gibt schließlich auf und schläft über der selbstgebastelten Elektrokonstruktion ein, während ich krampfhaft versuche, die Augen aufzuhalten.
Um zwanzig Uhr fünfundvierzig schließe ich die Tür zum Kinderzimmer und falle erschöpft auf das Sofa. Ich bin müde. Nicht nur von dem langen Tag, sondern auch davon, so vielen Versuchungen widerstanden zu haben. Habt ihr euch schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie vielen kleinen und großen Verlockungen ihr jeden Tag ausgesetzt seid? Ich habe sie nicht gezählt, aber ich weiß, dass jetzt der Moment gekommen ist, wo ich schwach werde. Wenn gleich das Telefon klingelt, dann…Halt! Davon darf ich euch nun nicht mehr berichten. Denn in dieser Geschichte geht es ja um das Widerstehen und das möchte ich auf keinen Fall, wenn er anruft.





