Anfang April ist ein junger Mann in die Wohnung im dritten Stock gezogen. Eine wahre Augenweide mit dunklen Locken und einem spitzbübischen Lachen, das mir den Atem raubt. Zum ersten Mal bin ich ihm im Treppenhaus begegnet, als er mir mit Farbeimern und Tapetenrollen bewaffnet auf den Stufen entgegenkam und wir beinahe zusammengestoßen wären. „Sind sie immer so stürmisch?“, hatte er mir hinterhergerufen und zum Glück nicht bemerkt, dass mir ganz heiß geworden war.
Seitdem geht mir dieser Kerl nicht mehr aus dem Kopf.
„Lad ihn doch einfach mal zum Kaffee ein.“, riet mir meine Freundin mir am Telefon, als ich ihr von ihm vorschwärmte. Als wenn das so einfach wäre, wenn einem das Herz schon bei der harmlosesten Unterhaltung Purzelbäume schlägt.
Als ich gestern vom Büro nach hause kam, schleppte er gerade eine ganze Kiste Bücher vom Auto ins Treppenhaus und fluchte leise vor sich hin.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
Er drehte sich um und streckte mir die Kiste entgegen.
„Ich habe noch sechs Stück davon im Kofferraum. Die sind verdammt schwer. Aber ich mag mich einfach nicht von meinen Büchern trennen.“
„Das kann ich verstehen.“
Er lächelte mir mitten ins Herz.
„Dann lesen Sie auch so gerne wie ich?“
„Leidenschaftlich.“
„Genauso leidenschaftlich, wie sie junge Männer mit Farbeimern beinahe die Treppe hinunterstoßen?“
„Wenn sie mitten im Weg stehen.“
Sein Handy klingelte, besser gesagt es trällerte: „Komm lieber Mai und mache…“
Er stellte die Bücherkiste ab und nahm das Handy aus der Jackentasche.
„Hallo, mein Schatz.“
Es entstand ein kurze Pause.
„Ja, du kannst auf jeden Fall am Wochenende kommen. Bis dahin wird alles fertig sein. Ich rufe dich heute Abend an, okay. Ich hab dich lieb.“
Zum Glück sah er meine Enttäuschung nicht, als er die Kiste wieder vom Boden nahm und damit an mir vorbei ins Treppenhaus ging.
Eine Stunde später stand ich auf meinem Balkon und ertappte mich dabei, dass ich immer wieder „Komm lieber Mai…“ sang, während ich die Blumen goss.
Ich hätte mir ja denken können, dass ein so attraktiver Mann längst vergeben war.
Plötzlich entdeckte ich seinen Lockenkopf. Er winkte mir von seinem Balkon aus zu.
„Sie singen wohl auch genauso gerne, wie Sie lesen oder schwerbepackte Männer umrennen.“
„Und Sie verdrehen Frauen gerne den Kopf.“
„Tue ich das?“
Seine Stimme klang amüsiert.
Ich ging in die Küche zurück und schloss die Balkontür.
Kurz darauf klingelte es. Das konnte nur meine Nachbarin sein, die mal wieder ihren Schlüssel vergessen hatte. Ich öffnete die Tür und ging ins Wohnzimmer, um den Ersatzschlüssel aus der Schublade zu holen.
„Was würdest du bloß ohne mich machen?“
„Wieder in meine Wohnung zurückgehen und den Wein alleine trinken.“
„Sie sind das?“
Der Lockenkopf lachte.
„Ja, ich bin das. Sie haben den ganzen Nachmittag nach mir gerufen und da bin ich ihrem Wunsch gefolgt.“
„Ich habe Sie gerufen?“
„Haben Sie nicht?“
„Nein!“
„Wer hat denn dann aus vollem Hals „Komm lieber Mai…“ gesungen? Vielleicht die ältere Dame von nebenan? Dann habe ich mich wohl in der Tür geirrt.“
Er tat so, als wolle er wieder gehen.
„Aber was hat das Lied mit Ihnen zu tun?“
„Mehr als sie denken. Ich bin der Mai“, grinste er. „Jochen Mai.“ und reichte mir seine Hand.
„Sie waren heute Nachmittag so schnell verschwunden, nachdem meine Tochter angerufen hat.“






Ein schöner Irrtum! Super Geschichte!
So long