Alexandria war anders.
Wenig orientalisch auf den ersten Blick. Clara öffnete die Fensterläden und schaute hinaus auf den schmalen Strand und das Mittelmeer.
Es war Ende März und die Sonne stand schon sehr tief über dem Wasser, das sicher noch viel zu kalt sein würde, um darin zu baden.
Ein paar Kinder liefen barfuss durch den Sand. Ihr Geschrei vermischte sich mit dem Lärm, der aus dem unteren Stockwerk an Claras Ohr drang.
Der junge Mann an der Rezeption hatte sich bereits für die Unannehmlichkeit entschuldigt und ihr versprochen, dass die Handwerker in zwei Stunden fertig sein würden mit der Reparatur der Wasserleitung. Es war noch zu früh, zum Abendessen in die Stadt zu fahren.
Clara entschloss sich zu einem kleinen Spaziergang.
Sie nahm ihren Pullover vom Bett und verließ das Hotelzimmer.
Draußen war es kühl.
Sie blieb einen Moment stehen und sah sich um. Warum hatte Sami sie darum gebeten, hierher nach Alexandria zu kommen und sich ein Zimmer in einem der billigen Strandhotels zu nehmen, in denen um die Jahreszeit kaum ein Tourist anzutreffen war?
Die Strandpromenade war fast menschenleer.
Lediglich das Hupen der Autofahrer erinnerte ein wenig an das pulsierende Leben in Ägypten.
Vom Meer, das sich blaugrau vor ihr ausbreitete, wehte ein frischer Wind und spielte mit ihren Haaren.
Clara seufzte.
Am Abend würde sie Sami darum bitten, diese Stadt mit ihr so schnell wie möglich wieder zu verlassen und nach Kairo zurück zu kehren.
Sie hatte sich so sehr auf einen ausgiebigen Bummel durch den Khan el Khalili und die langen Nächte in den Clubs der Pyramidenstrasse gefreut.
Enttäuscht betrachtete sie die alten Häuser entlang der Corniche.
Viele von ihnen schienen unbewohnt. Die meisten Fenster waren verschlossen und nur durch wenige Holzläden schimmerte etwas Licht.
Zwei alte Männer saßen vor einem Cafe und rauchten Wasserpfeife.
Aus einer schmalen Seitenstrasse vernahm sie die traurige Stimme einer berühmten, ägyptischen Sängerin und entdeckte den kleinen Laden mit dem bunten Neonschild „Cleopatras Musicstore“.
Ein junger Mann lehnte lässig an der Tür und winkte ihr mit einem auffordernden Lächeln zu.
Clara ging weiter, als habe sie ihn nicht bemerkt. Sie war nicht in der Stimmung, sich auf einen Flirt oder ein „Wie gefällt es ihnen in Alexandria, Madame?“ einzulassen.
Hoffentlich würde Sami bald aus Port Said eintreffen, wohin er kurzfristig hatte fahren müssen, um dort seinem Onkel im Geschäft auszuhelfen.
Schließlich hielt sie sich nur ihm zuliebe in dieser Stadt auf.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und beschloss, zum Hotel zurück zu kehren.
Nachdem Clara sich für das Abendessen umgezogen hatte, ging sie hinunter zur Rezeption. Sie wollte sich ein Taxi bestellen und zu eine der Tavernen am Hafen fahren lassen. Von Sami lag immer noch keine Nachricht auf der kleinen Empfangstheke.
Eine junge Frau unterhielt sich mit einem etwas älteren, dickbäuchigen Herrn, der offensichtlich der Hotelbesitzer war. Ihre Stimme klang sehr erregt. Obwohl Clara nur wenige Worte verstand, entnahm sie dem Gespräch, dass die Frau ihren Ehemann suchte und sich sicher war, ihn in diesem Hotel anzutreffen.
„Sehen Sie“, sagte der ältere Herr und deutete in Claras Richtung, „außer dieser jungen Dame aus Deutschland wohnt zur Zeit nur noch ein Ehepaar aus London bei uns. Sie müssen sich geirrt haben.“
„Nein! Er muss hier sein! Er hat alles auf diesen Zettel geschrieben.“
Nervös reichte sie dem Hotelbesitzer ein kleines Stück Papier und setzte sich in einen der Sessel, die direkt neben der Tür mit Blickrichtung zu einem Fernsehgerät standen.
„Ich werde auf jeden Fall warten, bis er kommt.“
Der Hotelbesitzer fluchte.
„Sie sollten so schnell wie möglich nach Hause fahren! Ihr Mann wird sie sonst suchen und sehr verärgert sein, wenn er sie hier antrifft.“
Clara beobachtete die verschleierte Fremde.
Auf seltsame Weise fühlte sie sich ihr verbunden. Während sie den Schlüssel an der Rezeption abgab und an der Sitzgruppe vorbei zur Tür hinausging, warf sie der jungen Frau einen mitfühlenden Blick zu.
Draußen war es inzwischen sehr windig. Clara knöpfte ihre Jacke zu und rief nach einem Taxi. Ihr gefiel es zwar gar nicht, alleine in einem der Fischrestaurants, von denen sie im Reiseführer gelesen hatte, Essen zu gehen. Aber der Hunger war zu groß, um die ganze Nacht von den Resten ihre Lunchpakets zu zehren.
Der Taxifahrer empfahl ihr ein kleines, gemütliches Restaurant, das direkt am Hafen zwischen Ras el Tin und Anfoushi lag. Während der Fahrt entpuppte er sich als versierter Stadtführer.
Doch Clara gelang es nicht, sich auf die Sehenswürdigkeiten von Alexandria zu konzentrieren. Vielmehr fragte sie sich, weshalb Sami sie warten ließ und sich nicht ebenso wie sie danach sehnte, endlich wieder mit ihr zusammen zu sein.
Als das Taxi vor dem Restaurant hielt, stellte sie fest, dass sie wegen des dichten Verkehrs auf der Corniche fast eine halbe Stunde gebraucht hatten.
Der Fahrer verlangte einen unverschämt hohen Preis.
Clara fluchte auf Arabisch, etwas, das sie in den letzten beiden Jahren von Sami gelernt hatte. Schließlich gab sie dem jungen Mann hinter dem Steuer lediglich ein Drittel der Summe, die er ursprünglich verlangt hatte und stieg aus.
Das „Osiris“ war eine gemütliche, kleine Taverne, die direkt am Hafen in einer schmalen Seitenstrasse lag.
Clara warf einen Blick auf die Speisekarte und öffnete noch etwas zögernd die Tür.
Ein älterer Herr kam aus der Küche, hieß sie
herzlich willkommen und wies ihr einen Platz am Fenster zu.
„Mögen sie frischen Fisch, Madame?“
Sein Englisch war beinahe akzentfrei.
Clara nickte.
„Darf ich ihnen dann unseren Fisch nach Art des Hauses zubereiten?“
Sie stimmte zu und bestellte außerdem noch eine Flasche Wasser.
Das Essen war hervorragend.
Für einen Moment gelang es ihr sogar, die Enttäuschung wegen Sami zu vergessen und den Abend zu genießen.
Gegen 22 Uhr verließ sie das Restaurant und fuhr mit einem Taxi zum Hotel zurück.
An der Rezeption bat sie um den Zimmerschlüssel und stellte erstaunt fest, dass die junge Frau immer noch auf einem der Sessel saß und auf ihren Mann wartete.
Entschlossen ging Clara auf sie zu und fragte, ob sie sich zu ihr setzen könne.
„Bitte sehr.“, erwiderte die Fremde, ohne einen Augenblick aufzusehen.
Der Hotelbesitzer beäugte die beiden skeptisch und schaltete an dem Fernseher herum, bis er den richtigen Sender gefunden hatte.
„Heute spielt Ägypten gegen Marokko.“, sagte er zu Clara und bot ihr eine Cola an.
„Bringen sie mir bitte zwei.“
Eine Weile saßen die beiden Frauen schweigend nebeneinander und starrten immer wieder zur Tür. Gemeinsam, wie zwei Verbündete.
„Ich warte auf meinen Freund.“, begann Clara schließlich das Gespräch und reichte der Fremden eine der beiden Colaflaschen, die der Hotelbesitzer ihr auf den Tisch gestellt hatte.
Die junge Frau bedankte sich und lächelte verlegen.
„Sie suchen ihren Mann hier in Alexandria? Ich habe eben einen Teil ihres Gesprächs mit dem Hotelbesitzer verfolgt.“
„Sie verstehen Arabisch?“
„Nur ein bisschen.“
„Man trifft selten Touristen, die unsere Sprache sprechen.“
„Mein Freund kommt aus Kairo. Er hat mir das beigebracht.“
„Ach so. Dann treffen sie sich hier, um ein paar Tage Urlaub am Meer zu machen?“
„Ich wäre lieber direkt nach Kairo geflogen.“
Die junge Frau blickte erstaunt auf und fuhr mit der Hand durch ihr blasses Gesicht.
„Aber es ist nicht einfach, dort zu leben. Haben sie vor, zu heiraten und hier in Ägypten zu leben?“
Bevor Clara eine Antwort geben konnte, klingelte es und die beiden Frauen starrten erwartungsvoll zur Tür.
Der Hotelbesitzer war in seinem Sessel vor dem Fernseher eingeschlafen. Er erhob sich nur mühsam und suchte in seiner Hosentasche nach dem Schlüsselbund.
Clara erkannte die Stimme des späten Gastes sofort und sprang auf.
„Ist das ihr Freund?“
Die Stimme der Fremden klang beinahe ängstlich.
„Ja, das ist Sami.“
„Dann gehen sie zu ihm.“
Clara nickte und warf einen Blick hinüber zur Rezeption.
In dem Moment schlug der Hotelbesitzer die Tür wieder zu und sah die beiden Frauen kopfschüttelnd an.
„Ein seltsamer Mensch.“
„Wohin ist er gegangen?“
Clara konnte ihre Tränen kaum noch zurückhalten.
„Das hat er mir doch nicht gesagt!“, brummte der Alte.
„Laufen sie ihm nach und versuchen sie ihn aufzuhalten.“, flehte die junge Frau und verbarg ihr Gesicht hinter dem Schleier.
„Aber warum lässt er mich hier warten und verschwindet dann ohne ein einziges Wort?“
Clara lief verzweifelt vor der Sitzgruppe auf und ab.
„Gehen sie!“, wiederholte die Fremde, „er wird nicht wieder hierher kommen.“
„Aber wieso? Was habe ich ihm getan?“
„Nichts. Es ist seine Schuld…“
Die junge Frau schluckte. Ihre Lippen bebten.
„…Sami ist mein Mann.“





